• Monalitha

Blue forever

Nun steh ich da und sehe ihnen nach. Sie sind auf dem Boot - nicht mehr erkennbar. Wie lange haben wir nur gebraucht, um unser Boot wieder flott zu kriegen? Nach diesem heftigen Sturm, der letztens wütete, dachte ich, es würde nie wieder gut werden. Die Segel waren zerrissen, das Holz ganz zersplittert und die Ruder waren auch verloren. Ein Wunder, dass es Henrik und Immanuel überhaupt noch an Land geschafft haben bei diesem hohen Wellengang. So, dass das Wasser nur so schäumte und sie die Männer beinahe mitgerissen hätten, ins weite, unergründliche Meer.

Doch einen haben sie da gelassen. Die Fluten waren einfach zu stark. Sie haben ihn mit ihrer nassen Gischt einfach mit sich gezogen und er konnte nichts dagegen tun. Die Männer konnten nichts dagegen tun.

Man sagt, wenn einer unserer Männer auf der See verschollen ist, braucht es ein Jahr, damit er ein Seegetier wird. Vielleicht ein Wal, ein kleiner Fisch - oder sogar ein Hai, mit riesigen Reißzähnen, von denen nur so das Blut tropft, nachdem er es mit seinen Zähnen gekaut und verdaut hatte.

Mich schaudert es bei diesem Gedanken Reiß dich zusammen, Ulla, denke ich bei mir! Doch wie kann ich mich zusammenreißen, wenn mein ein und alles nun für immer fort ist.

Sein Name war Kai gewesen. Kai bedeutet im Hawaiianischen Meer, tja das war dann wohl schon immer seine Bedeutung gewesen unabhängig davon, wo er geboren wurde. Denn bei uns ist es immer so, dass die Jungen und Männer früh in die Meere müssen, um unser Essen zu besorgen. Es wächst nur an bestimmten Stellen unter dem Meer. Oft fast unmöglich daran zu kommen.


Eine alte Legende besagt, dass unser Volk hier auf den vielen Inseln einmal verflucht wurde. Einst gab es zwei Schwestern, die die Königinnen dieser Insel waren. Sie waren Zwillingsschwestern und teilten alles und jeden.

Aber in nur einer Sache waren sie unterschiedlich und uneins: wenn es um das Essen ging. Die eine Schwester aß alles, was hier auf der Insel wuchs. Dicke rote Kirschen, die an den Palmen wuchsen, Bananen, die stündlich ihre Farbe und Geschmack wechselten. Grüne Bohnen und Reis. Die Insel bot wirklich sprichwörtlich ein Himmel auf Erden, bei dem vielen Angebot. Doch die andere Schwester konnte nur das Essen, was tief im Wasser wuchs. Schon damals war es gefährlich, diese Essen zu beschaffen und forderte viele Leben der tapfersten Männer. Aber es half alles nichts, von allem anderen Essen, was sie zu sich nehmen wollte, wurde ihr unglaublich schlecht und sie konnte nichts bei sich behalten. Zusätzlich bekam sie überall hässliche Pusteln, die ihr ein Leben lang blieben.

An einem Tag wollte sie ihrem Leiden endlich ein Ende bereiten und lief im dunklen der Nacht heimlich zu der Höhle, in der die alte Hexe hauste. Es war natürlich verboten, sie aufzusuchen, doch das war der einen Königin egal. Sie wollte nur endlich auch ein gewöhnliches Leben haben, wie ihre Zwillingsschwester. Nachdem sie der Hexe ihr Leid vorgetragen hatte, bekam sie von ihr einen gruselig aussehenden Trank, den sie ihrer Schwester drei Tage lang vor dem vollen Mond und drei Tage nach dem vollen Mond geben soll. Dann würde sich die Wirkung umkehren und sie könnte nun so wie ihre Schwester leben. Allerdings würde es ihr dann wie der einen Schwester jetzt gehen und das wollte sie auf keinen Fall!

Doch die Hexe beruhigte die Schwester und erzählte ihr, die Wirkung des Tranks würde nach weiteren drei Tagen im nichts verschwinden.

Etwas skeptisch war die Schwester immer noch, aber sie wollte etwas tun und so tat sie alles genau so, wie es die Hexe ihr gesagt hatte.

Tatsächlich ging es ihr nach drei Tagen des letzten Tropfens wieder gut und die Schwester genoss es sehr, endlich auch mit ihrer Schwester am selben Tisch zu sitzen und dasselbe essen zu können, wie sie. Die Zwillingsschwester wunderte sich etwas, aber die andere Schwester erzählte ihr von einem Mittel, dass ihr empfohlen wurde und mit sie sich besser fühlte.

Doch in der darauffolgenden Nacht passierte die Tragödie und ihre Schwester starb sehr plötzlich. Man sagte, es wäre Gift gewesen. Die zurückgebliebene Schwester fühlte sich unglaublich schuldig und rannte eilig zu der Hexe - aber diese war nicht mehr da. Die ganze Höhle war nicht mehr da. Als hätte es sie nie gegeben. Traurig schlich die Königin wieder in den Palast. Schon bald wurde sie der Hexerei angeklagt, wurde beschuldigt, ihre Schwester ermordet zu haben und sie wurde erhängt. Einige Zeit verging und das Königreich zerfiel von selbst, denn die Bewohner bekamen nun auch das Schicksaal ihrer geköpften Königin. Als würden sie bestraft werden, dass sie sie umgebracht hätten. Sie konnten nun auch alle nichts mehr gewöhnliches essen und mussten auf das zurückgreifen, was tief im Meer zu finden war. So war es bis heute.


Ich bin froh, dass ich mein blaues Kleid heute angezogen habe. Es flattert im Wind, während ich immer noch auf das Meer schaue. Blau ist bei uns die Farbe der Trauer. So tief und unergründlich wie das Meer. Wir tragen es so lange, bis wir als Zurückgebliebene das Gefühl haben, dass die Verstorbenen nun endlich im Meer angekommen waren und sie ein neues Leben beginnen. So wie mein Bruder Kai.




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