• Monalitha

Der Übereifrige Helfer

Aktualisiert: März 30

Es ist Montag Abend und Anna ist gerade auf dem Heimweg.

Menschen hasten vorbei, letzte Einkäufe werden erledigt und jeder ist froh, wenn er endlich daheim angekommen ist.

Genervt umrundet sie manches Trottoir, weil irgendwelche Lieferwagen auf den Absenkungen stehen.

Wie immer, wenn sie bei der Beratungsstelle war, rollt sie das kleine Stück durch die Straßen im Westen von München, bis sie sicheren Weges über die Straße ohne Ampel schließlich beim Aufzug ankommt. Zeit wird es, denn es ist endlich richtig Herbst geworden und der Wind pfeift ordentlich. Um diese Zeit ist es schon ganz dunkel und als Schreckhafter Mensch könnte einem selbst so etwas Gewöhnliches wie ein Baum Angst einjagen.

Zum Glück ist es ihr sehr warm, denn durch das ständige Bewegen beim Rollen verfliegt jegliche Kälte ganz schnell - meistens zumindest. Doch Handschuhe müssen da schon die Hände wärmen, denn die Reifen fühlen sich an wie Eiszapfen.

Ein netter Mensch hilft ihr ohne große Schwierigkeiten in die U-Bahn, die gleichgekommen ist. Um diese Uhrzeit stapeln sich natürlich wieder alle in den engen Kabinen übereinander - so scheint es - damit jeder Platz findet, der sich auch noch dazu quetschen muss.

Irgendwann kommt sie bei ihrer U- Bahn Station an, bei der sie aussteigen muss. An der Münchner Freiheit hatte sie sich noch etwas zum essen gekauft. Zufrieden mit einem Hörspiel auf ihren Ohren fährt sie in den vertrauten Aufzug, der netterweise mal nicht nach Alkohol riecht. Wenn nämlich ein Spiel in der Arena war, räuchert manch ein euphorischer Fußballfan die Kabine mit den Schätzen Münchner Kultur ein. Anna allerdings kann darauf sehr gut verzichten, schließlich ist sie nur zur Hälfte ein Münchner Kindl.

Oben angekommen fällt ihr auf, dass der U-Bahn Ausgang Richtung Rampe komplett gesperrt ist. Ein Paar verwirrte Menschen suchen verzweifelt doch einen Durchgang, den es aber leider nicht gibt. Schließlich benutzt einer nach dem anderen einen anderen Ausgang.

Schon seit Wochen bereitet es den Passanten hier und da Schwierigkeiten, durch die Brückenrenovierung, manchmal an die U-Bahn zu kommen. Die Holz dielen werden nämlich erneuert, wahrscheinlich musste das nach 10 Jahren einmal gemacht werden, wenn doch so viele Menschen zum Fußball oder zu den Pferden möchten und dabei den Übergang benutzen.

Anna genießt es normalerweise immer an Träumerischen Tagen auf der Brücke Richtung U- Bahn Kiosk nach den Pferden als Ablenkung zu schauen oder sich auszumalen, wohin eine Reise gehen könnte, wenn man einfach in einen Zug steigt und nicht wüsste, wo der einen hinbringt.

Aber um diese Uhrzeit und bei dieser Kälte ist ihr sicher nicht nach Träumerischen Gedanken. Laut vor sich hin brummelnd quält sie sich die Steigung über die Brücke hoch und isst ihr Essen an einem Biertisch vor dem Kiosk erstmal zu Ende.

Um auf ein stärkendes Gefühl zu kommen - denn heuer fällt es ihr hier und da schwer auf ihre alte Begeisterung zurück zu greifen, um sie als Antriebsmittel in solchen Situationen zu nutzen - ruft sie ihre Mutter an.

Dafür sind Mütter schließlich da und Anna ist froh ihren Ärger durch diesen Anruf zumindest ein kleines bisschen mildern zu können.

„Das is ja doof, wie kommen die einfach dazu, den Ausgang zu sperren?“

Nach einiger Zeit erinnert ihre Mutter sie an die Steile Rampe, die auf der anderen Seite in Richtung Allianz Arena führt: "Weißt du, da sind wir auch schon öfter runter!"

"Ah, ja. Ich erinnere mich. Das ich das Vergessen konnte. Ich wusste doch, da gäbe es noch ein Weg, aber.... Mann, da muss ich ja komplett außen rum. Mit dem Aufzug beim Parkhaus runter und dann die Rampe rauf."

Ja, das stimmte. Ihre Mutter hatte da natürlich auch schon dran gedacht: "Ob du da jemanden findest, der dich hochschieben kann? Sonst könnte ich ja..."

"Ne, passt schon. Lass mal, Mama. Ich schau mal wie ich es mache. Ich finde sicher jemanden, der mir auf der anderen Seite den Rolli hochbringen kann. Ich laufe dann einfach."

So macht Anna das öfter, wenn woanders mal ein Aufzug kaputt gegangen ist.

Auf dem Bahnsteig Richtung Stadtauswärts findet sich glücklicherweise gleich jemand, der hilfsbereit ist. Gemeinsam bestreiten sie den Weg auf die andere Bahnsteigseite. Kurz bevor sie an der Treppe ankommen fragt sie der Mann, ob sie schon immer im Rollstuhl sitzt. "Ja, schon immer."

"Oh. Ist ja blöd. Aber wenn es schon immer ist, sind Sie es ja gewohnt."

"Genau. Also ich würde jetzt aussteigen und laufen. Sie bringen dann den Rolli einfach hoch, ja?" Sie überlegt noch, ob sie dazu fügen soll, dass das Laufen kein Problem für sie ist. Der Rolli muss halt immer nur mit. Aber sie unterlässt es dann doch.

"Ok, geht das denn, ich kann Ihnen aber auch die Treppen hoch helfen!" Seine Stimme überschlägt sich dabei fast vor Eifer.

"Nee, Nee. Passt schon, ich kann das ganz gut allein." Sie macht Anstalten aus ihrem Rolli zu steigen. "Warten sie, ganz vorsichtig. Schaffen Sie das auch wirklich? Ich halte den Stuhl fest." Sie überhört den Kommentar einfach, denn sie war gerade dabei, den Rolli mit den Bremsen zu stoppen. „Geht´s? ganz vorsichtig! So, dann wollen wir mal.“

Anna dachte daran, wie viele Male sie Menschen schon von ihrer Behinderung erzählt hatte und wie unterschiedlich die Leute immer dabei reagierten.

"Ok. Ist also Typ 4, der übereifrige Helfer, denkt sie bei sich. "Macht nichts, ich weiß, was ich sagen kann". Mit diesen Gedanken steigt sie die erste Stufe hoch. "Warten Sie unten, ich helfe Ihnen. Ich bringe nur den Rollstuhl hoch!!" Anna wird langsam ungeduldig. Sie könnte jetzt noch ein drittes Mal sagen, dass sie das kann. Aber stattdessen steigt sie sogleich weiter die Stufen hoch und bemüht sich, es möglich unangestrengt aussehen zu lassen. Sonst kommt der Mann vielleicht noch auf die Idee und nimmt sie unterm Arm, was sie überhaupt nicht leiden kann.

So einfach war das aber gar nicht. Durch die Kälte und der Wind versteifen sich ihre Glieder immer.

Der Mann hat den Rolli schließlich oben abgestellt und kommt wieder herunter. Immerhin ist die Hälfte schon geschafft. da es so flüssig geht, steigt der Mann mit ihr zusammen die restlichen Stufen hoch.

Eine kurze Stille tritt ein, während der Mann Anna verstohlen von der Seite beobachtet.

"Und da gibt es wirklich keine Hoffnung, dass das wieder ohne Rollstuhl geht?"

Anna muss bei dieser Frage fast lachen, natürlich schwingt auch ein Hauch von leichtem Mitgefühl für sich selbst mit.

"Nein, ich habe eine Spastik. Das habe ich schon immer und das werde ich auch immer haben."

Beide sind endlich oben am Absatz angekommen. Während der Mann versucht den Rolli an die richtige Stelle zu bewegen sagt er: "Also ich habe mir ja mal den Fuß gebrochen. Das war ganz schön doof so einige Zeit im Rollstuhl zu sitzen! Bin froh, dass das wieder weg ist."

Anna ist an dieser Stelle sehr froh, dass sie auf diese Bemerkung nicht antworten muss, denn sie ist viel zu sehr von den Bemühungen des Mannes abgelenkt, den Rolli zu ihr hinzuschieben. Wenn sie sich hinterher an diese Bilder wieder erinnert, muss sie schmunzeln, denn natürlich ist ihm nicht klar, dass man erstmal die Bremsen wieder lösen muss, um den Rollstuhl bewegen zu können.

In diesem Moment ist sie allerdings einfach nur genervt davon.

Der Mann hebt den Rollstuhl schließlich zu ihr hin, sie setzt sich, nachdem sie fast die Stöcke fallen gelassen hat, hin.

"Oh Hoppla, ich nehm´ die mal. So, jetzt habe ich noch drei Minuten, ich bringe Sie schnell runter."

Anna erinnert sich in diesem Moment daran, wie sie Anfangs dem fremden Mann erklärt hat, sie brauche nur Hilfe bei den Treppen. Dann könne sie einfach die Rampe runterfahren.

Nach dieser Aktion ist das dem Übereifrigen Helfer aber wieder entfallen.


So sind sie, die Übereifrigen Helfer dieser Welt

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