• Monalitha

Der heilige Baum

Einst habe ich gehört, dass es irgendwo in einem fernen Land in Asien ein Mann gab, der zwar wunderbar sprechen konnte, doch das Schreiben und Lesen hatte er nie gelernt.

Seine Eltern, seine Lehrer – selbst seine Freunde in der Schule gaben es irgendwann auf, ihm Schreiben und Lesen beizubringen. Alles purzelte nur so durcheinander und es machte das Ganze nicht besser, dass man die Buchstaben auch noch malen soll und es für jeden Begriff ein eigenes Bild gab.

Seinen eigenen Namen hatte er schon bald vergessen, weil ihn jeder nur nach seinem Ausruf nannte, wenn er mal wieder etwas nicht lesen oder schreiben konnte. Hähne war bald in aller Munde, weil er der Einzige weit und breit zu sein scheint, der Analphabet und den Wörtern so wenig mächtig war. 

Daher wurde sein Leben zunehmend zu einem Problem, denn wie soll er mit seinen Mitschülern über das neuste Werk des berühmten Schriftstellers Roy Ajog sprechen – der von diesem Roman übrigens eine Kinderversion herausgebracht hatte - wenn er kein Wort davon gelesen hatte?

Wie soll er in der Schule beim Diktat oder überhaupt mitkommen, wenn sie einmal etwas aufschreiben sollten? Wie soll er sich überhaupt noch weiterbilden, wenn er nicht mal das einfache ABC verstanden hatte?

So kam es, dass er aus seinem Heimatort, die nur eine einzige Dorfschule hatte, in die Hauptstadt umzog, um da in eine „spezielle Schule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen“ (wie es seine Eltern nannten), zu gehen. Zunächst mochte er es nicht, dass er ein besonderes Kind sein soll, aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran und fand im Laufe seiner Schulzeit viele Freunde, die alle unterschiedliche „Problemchen“ hatten. Da war zum Beispiel Rita, die tatsächlich nicht sprechen konnte und auch ein wenig Geistig zurückgeblieben schien. Sie mochte Hähne aber am liebsten von allen, weil sie so lieb war. Sie haben sich zusammen ihre eigene Zeichensprache ausgedacht (dazu später mehr), mit der sie sich unterhielten. Oder Torben hatte das Problem, viel zu groß zu sein. Asiaten sind von Natur aus sehr klein und daher ist alles sehr klein und winzig gebaut. Torben muss aufgrund seiner Größe immer draußen vor dem Schulgebäude sitzen und durch Fenster schauen, weil er nie in das Gebäude hinein passen würde, so groß ist er

Doch mit seinem Problem, keine Wörter lesen und schreiben zu können, blieb Hähne weiterhin der Einzige, was ihn dermaßen in eine Verzweiflung fallen ließ, dass er kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Als er Rat bei seinen Eltern suchte, empfahlen sie ihm, zum heiligen Baum zu gehen. Doch man ging nicht einfach so zum heiligen Baum, man muss sich ihn verdienen, in dem man erst alles andere versucht, was einen weiterbringt. Wenn dann alle Möglichkeiten erschöpft sind, pilgert man dahin. Im ganzen Land verehren sie diesen Baum und Jahr für Jahr pilgerten hunderttausende von Menschen zu dem Baum in der Hoffnung Antworten auf ihre Fragen oder andere Kräfte von ihm bekommen zu können.

Zum Glück war es so, dass Hähne eine blühende Fantasie hatte.. Daher entwickelte er zusammen mit er vorhin erwähnten Zeichensprache und der gesprochenen Sprache an sich, seinen eigenen Weg sich selbst das Lesen und Schreiben beizubringen. Er wandelte für sich einfach alles um, so dass er schließlich eines Tages sein erstes eigenes Buch von seinen Eltern geschenkt bekam und er damit zu dem Hügel mit dem riesigen Baum wanderte und sich dort ins Graß setzte. (An dieser Stelle erspare ich mir die Geschichte des abenteuerlichen, gefährlichen Pilger Weges. Die erzähle ich an anderer Stelle.)

Jedenfalls kam Hähne eines Tages an und setzte sich, nach einer Unterschrift beim Baum-Amt nebenan, unter den riesigen Baum.

Wenn man dann so unter den dichten Ästen, mit den zahllosen Verzweigungen, Blättern, Hervorhebungen und verschiedenen braun Tönen dasaß, beginnt der Baum die Aura von der Person, die darunter sitzt, wahrzunehmen und sie bis in die letzten Blattspitzen regelrecht wie ein Schwamm aufzusaugen. Dabei färben sich seine Blätter in der Farbe, die für den Menschen am besten passt und er beginnt mithilfe des Windes, der durch die Bäume rauscht, ein Lied zu spielen. Das Lied konnte immer nur derjenige selbst hören, der die Hilfe des Baumes in Anspruch nehmen wollte. Es konnte aber auch passieren, dass der Baum gar kein Lied für einen spielte, wenn man der Mensch das gar nicht brauchte. So, wie bei unserem Hähne hier.

Was er brauchte war, dass ihm jemand Kraft, Zuversicht und den Ehrgeiz gab, den ersten Satz seines Lebens lesen zu können, und zwar in der Sprache, die er aus dem gewöhnlichen herausgearbeitet und in seine Lautmalerische Zeichensprache übersetzt hatte.

Hähne schließt die Augen als er merkt, wie zwischen den Ästen der Wind durchpfeift, wie sich daraufhin die Blätter kräuseln und sie sich anfangen zu verfärben. Ein heimlicher Beobachter, welcher sich ebenfalls Kraft für sich erhofft, könnte das Geschehen so in sein Notizbuch geschrieben haben:

„Und da färben sich die Blätter des heiligen Baumes in allen Farben des Regenbogens und schillern fröhlich vor sich hin. Doch es bleibt nicht dabei, nein. Der Baum entscheidet sich schließlich für genau drei Farben: Blau, Orange und Grün. Es mag ungewöhnlich sein drei Farben zu sehen, doch es scheint mir ein gutes Zeichen zu sein. Es sind allesamt positive Farben, die für Intelligenz, Kreativität, Hoffnung, Enthusiasmus, Wachstum, Harmonie und Stabilität, sowie Ruhe und Vertrauen stehen. Was will man mehr vom Baum der Kraft? Ich hoffe, der junge Mann hat nun Selbstvertrauen und Kraft, die er brauchte. Ich hoffe für mich, dass ich sie auch bekomme.“

Ja, die hat er tatsächlich. Wenn er sich an an den Tag seiner Geburt hätte erinnern können, dann ist er sich sicher, dass es das Gefühl ist, was er jetzt verspürt. Er fühlt sich wie Neugeboren und was das Beste ist: er hat nicht nur den Satz in seiner eigenen Sprache lesen können. Er hat nun auch eine Idee, was er mit seinem Leben anfangen möchte.

-        Fortsetzung folgt  

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